Leiterklassen 1, 2, 5 und 6 nach IEC 60228 erklärt
Leiterklassen entscheiden über Beweglichkeit, Außendurchmesser und Höchstwiderstand. Was Klasse 1, 2, 5 und 6 in der Praxis unterscheidet, welche Mindestdrahtzahlen gelten und wann Klasse 6 nötig ist.
Metrische Leiter sind in vier Klassen eingeteilt. Die Klasse ist keine Güteklasse — sie beschreibt den Aufbau und bestimmt Durchmesser, Beweglichkeit und den Widerstand, den der Leiter einhalten muss.
Die vier Klassen
| Klasse | Aufbau | Vorgesehen für |
|---|---|---|
| 1 | eindrähtig | feste Verlegung |
| 2 | mehrdrähtig | feste Verlegung |
| 5 | feindrähtig | flexible Leitungen |
| 6 | feinstdrähtig | flexible Leitungen |
Eine Klasse 3 oder 4 gibt es nicht. Beide existierten in früheren Ausgaben und wurden zurückgezogen.
Klasse 5 und 6 dürfen auch fest verlegt werden. Umgekehrt gilt das nicht: Klasse 1 oder 2 in einer bewegten Anwendung versagt früher oder später.
Klasse 1 — eindrähtig
Ein einzelner Draht. Am günstigsten, mit dem kleinsten Durchmesser bei gegebenem Querschnitt und am einfachsten in Schraub- und Steckklemmen anzuschlagen.
Eindrähtige Kupferleiter müssen rund sein. Oberhalb von 25 mm² sind sie für besondere Kabelbauarten vorgesehen, etwa mineralisolierte Leitungen, und nicht für allgemeine Zwecke — wichtig zu wissen, bevor Sie einen eindrähtigen 35-mm²-Leiter spezifizieren und feststellen, dass ihn niemand führt.
Eindrähtige Aluminiumleiter gibt es ab 10 mm², bis 35 mm² ausschließlich rund, darüber rund oder sektorförmig in mehradrigen Kabeln.
Klasse 2 — mehrdrähtig
Mehrere Drähte werden zusammen verseilt. Die Norm legt eine Mindestanzahl fest, keine feste Zahl:
| Querschnitt | Mindestdrähte, rund Kupfer |
|---|---|
| 0,5 bis 35 mm² | 7 |
| 50 bis 95 mm² | 19 |
| 120 bis 240 mm² | 37 |
| 300 bis 500 mm² | 61 |
| 630 bis 1 000 mm² | 91 |
Klasse 2 gibt es in drei Ausführungen: rund unverdichtet, rund verdichtet und sektorförmig. Das Verdichten presst die Drähte zusammen und verringert den Durchmesser bei gleichem Querschnitt — nützlich, wenn der Belegungsquerschnitt im Rohr knapp wird. Verdichtete Leiter brauchen weniger Drähte als unverdichtete.
Ab 1 200 mm² ist die Drahtzahl gar nicht festgelegt. Diese Leiter dürfen aus vier, fünf oder sechs gleichen Segmenten aufgebaut sein — die Milliken-Bauart, mit der bei großen Wechselstromleitern der Skineffekt verringert wird.
Klasse 5 und 6 — feindrähtig
Beide bestehen ausschließlich aus blankem oder metallumhülltem weichgeglühtem Kupfer. Kein Aluminium.
Und hier liegt der Punkt, der oft übersehen wird: Bei gleichem Nennquerschnitt haben Klasse 5 und Klasse 6 denselben Höchstdurchmesser und denselben Höchstwiderstand. Auf dem Datenblatt sehen sie identisch aus.
Der einzige Unterschied in der Norm ist der Höchstdurchmesser der Einzeldrähte:
| Querschnitt | Klasse 5 | Klasse 6 |
|---|---|---|
| 0,5 bis 1 mm² | 0,21 mm | 0,16 mm |
| 1,5 bis 2,5 mm² | 0,26 mm | 0,16 mm |
| 4 mm² | 0,31 mm | 0,16 mm |
| 6 mm² | 0,31 mm | 0,21 mm |
| 10 bis 35 mm² | 0,41 mm | 0,21 mm |
| 50 mm² | 0,41 mm | 0,31 mm |
| 70 bis 150 mm² | 0,51 mm | 0,31 mm |
| 185 bis 300 mm² | 0,51 mm | 0,41 mm |
Feinere Drähte lassen sich häufiger biegen, bevor sie sich verfestigen. Das ist der ganze Unterschied — und er entscheidet, ob das Kabel überlebt.
- Klasse 6 für alles, was sich im Betrieb bewegt: Schleppketten, Roboterkonfektionen, Türverdrahtungen, Werkzeugmaschinen, ortsveränderliche Geräte.
- Klasse 5 genügt für Kabel, das bei der Montage gebogen und danach in Ruhe gelassen wird.
Klasse 5 reicht von 0,5 bis 630 mm², Klasse 6 endet bei 300 mm².
Feindrähtige Leiter dürfen mehr Widerstand haben
Durch die Verseilung ist der Kupferweg länger als das Kabel, weil die Drähte spiralförmig verlaufen. Ein feindrähtiger Leiter hat deshalb bei gleichem Nennquerschnitt einen etwas höheren Widerstand, und die Norm berücksichtigt das:
| Querschnitt | Klasse 1 / 2 | Klasse 5 |
|---|---|---|
| 2,5 mm² | 7,41 Ω/km | 7,98 Ω/km |
| 4 mm² | 4,61 Ω/km | 4,95 Ω/km |
| 25 mm² | 0,727 Ω/km | 0,780 Ω/km |
| 50 mm² | 0,387 Ω/km | 0,386 Ω/km |
| 70 mm² | 0,268 Ω/km | 0,272 Ω/km |
Sehen Sie sich 50 mm² an. Es ist der einzige Querschnitt in der ganzen Norm, bei dem der Grenzwert für feindrähtige Leiter niedriger liegt als der für eindrähtige — 0,386 gegen 0,387. Überall sonst ist es umgekehrt. Ein Rundungsartefakt zwischen zwei Tabellen, aber wer bei diesem Querschnitt in der falschen Spalte nachsieht, bekommt das falsche Ergebnis.
Auswahl in der Praxis
Drei Fragen genügen:
- Bewegt sich das Kabel nach der Montage? Ja → Klasse 6. Gelegentlich → Klasse 5. Nein → Klasse 1 oder 2.
- Wie eng ist der Platz? Verdichtete Klasse 2 hat den kleinsten Durchmesser unter den mehrdrähtigen Leitern.
- Womit wird angeschlagen? Eindrähtig sitzt besser in Steckklemmen. Feindrähtig braucht meist eine Aderendhülse.
Wie sich die Klasse auf den Außendurchmesser auswirkt, zeigt der AWG-Umrechner für jeden Querschnitt.
Zakaria El Intissar
Elektroingenieur mit über 12 Jahren Erfahrung in Netzautomatisierung, Schutztechnik und SCADA-Systemen.